Interview mit dem Künstler Manfred Schüler

P1020051Aus Manfred Schülers Vorliebe für das Fragmentarische und seiner Lust am Erfinden entstehen Bilder  die enthüllen und zugleich verrätseln, die leicht sind und fordernd, unheimlich und spielerisch. Der kalkulierte Zufall spielt eine wichtige Rolle. Ausgangspunkt seiner Bilder ist ein ungebändigtes Chaos von Flecken. Im Malprozess bilden sich aus amorphen Farbgebilden einigermaßen fest konturierte Figuren heraus. Ich habe mit dem 1949 in Magdeburg geborenen Künstler gesprochen, der von 1976- 84 in Köln ein Kunststudium absolviert hat.

 

Hallo Manfred, wie bist Du zur Kunst gekommen ?
Es war kein gerader, direkter sondern ein relativ kurvenreicher Weg. Ich hatte nicht das Glück ein Gymnasium zu besuchen, sondern habe eine Lehre als Plakatmaler im zarten Alter von 14 Jahren begonnen. Scheinbar hatten die Lehrer schon relativ früh bei mir erkannt, dass ich gewisse zeichnerische Talente habe.

Es ging also schon mal in die künstlerische Richtung?
Ja, aber diese Tätigkeit hat mich nie befriedigt. Später, als Erwachsener bin ich zur Schule gegangen und habe das Abitur Manfred.Schler_A_day_in_my_life_20111nachgemacht, weil ich das brauchte, um mich hier in Köln zum Kunststudium einzuschreiben.

Was hat dich dazu motiviert, im Alter von 26 Jahren ein Kunststudium zu beginnen?
Bei jedem Menschen gibt es Personen, denen man im Leben begegnet, die gewissermaßen Meilensteine darstellen, die einem eine Richtung zeigen. Bei mir war es ein Künstler, der mir so imponiert hat,  dass ich gesagt habe : das will ich auch machen.

War das Studium eher hilfreich oder hinderlich ?
Eigentlich beides. Ich war von Anfang an ein Verweigerer : zum Beispiel habe ich zwei Semester Grundlagen übersprungen, allerdings mit dem Segen meines Professors. Er hat wohl schon gesehen : der macht sein Ding und geht seinen Weg. Ich sage manchmal scherzhaft : ich habe „Mensa“ studiert, weil es bei uns an der Schule so war, dass die Studenten dort die verrücktesten Ideen ausgebrütet haben. Wir haben uns dagegen gewehrt, mit den sogenannten Strebern gleichgesetzt zu werden, die jeden Tag in der Klasse sitzen und ans Kolloquium dachten. Der Professor erzählte einem : der Himmel müsse blau sein, die Wiese grün und wir wollten es genau umgekehrt machen.

Hat sich das so durchgezogen, das Verweigern ?
Eigentlich schon, es hatte im Studium auch experimentellen Charakter. Wir haben Drucktechniken wie z.B. Radierung gelernt. Ich habe dann aber nicht die Druckplatten klassisch geritzt und gedruckt, sondern habe z.B.  Ohrstäbchen zwischen Papier und Zinkplatte gelegt, habe das gepresst und dann geschaut  wie ist das Ergebnis.

Du hast in den Siebziger Jahren studiert. Wie war das?
Es war eine ganz verrückte Zeit in Köln, diese Jahre waren unglaublich bewegt. Alles ging, alles war erlaubt. Überall war Umbruch. Davon haben wir sicher auch profitiert.

Deine Arbeiten sind von Selbstironie geprägt
In jüngeren Jahren auch von Sarkasmus und Zynismus. Das habe ich mir aber abgewöhnt, weil ich gemerkt habe, dass das Schwächen sind. Da verschanzt man sich eigentlich nur hinter was.

Was bedeuten Dir Ironie und Humor?
Kunst ohne Humor finde ich gruselig. Es gibt eine Schwellenangst bei vielen Menschen in eine Galarie oder in ein Museum zu gehen. Die betreten ein Museum wie einen Tempel, die trauen sich nicht mal zu räuspern. Man muss nicht grölend oder pöbelnd durch ein Museum gehen, aber die Leute gehen einfach nicht normal damit um.

Was ist Dein Schwerpunkt ?
Der hat sich sehr verlagert. Ich habe die ersten 25 von 35 Jahren, die ich Kunst mache, fast ausschließlich Rauminstallationen und Objekte gemacht. Ich habe mich viel mit Vergänglichkeit und Gerüchen und Verwesung auseinandergesetzt. Der Schwerpunkt hat sich dann verschoben, als ein jüngerer Kollege deutlich gemacht hat, dass man von dem Beruf des Künstlers auch leben müsste. In der Beziehung bin ich sehr naiv gewesen.

Du hast Dich immer mit Jobs durchgeschlagen ?
Ja, das war der Vorteil an meinem erlernten Beruf. Ich habe mich ernährt von kleinen Jobs, sei es Kalligraphie, eine Urkunde schreiben, Preisschilder schreiben, etc.. Damals war ich mit einer zauberhaften holländischen Kollegin liiert, die manchmal nachhause kam und sagte : Hör mal, was machst du, du musst mal sehen, dass hier die Flocken reinkommen. Mach doch mal was, was man verkaufen kann !

Und darüber hast Du dann nachgedacht ?
Zunächst fragte ich mich : bin ich jetzt ein Verräter an der Sache? Dann habe ich begonnen, intensiver auf Papier zu arbeiten und später auf Leinwand. Das mache ich heute noch. Es ist natürlich so, dass man die Chance hat, je nachdem, wo und wie oft man ausstellt, die Sachen auch zu verkaufen.

Es war also eine gute Entscheidung?
Sie war überfällig! Es gab ja auch dieses Problem bei den Rauminstallationen : wo lagert man die Sachen ? Da war z.B. eine Installation mit Kühlschränken oder dieser Trenchcoat, an dem Schweineschwänze angenäht waren : das musste man nach der Ausstellung entsorgen. So etwas kann man nicht aufheben.

Du hast ja auch einen Ausflug ins Erotik- Genre gemacht. Wie kam es dazu?
Das war in der Tat eine sehr persönliche Geschichte. Es war ein Ausflug, der zwei Jahre gedauert hat. Ich habe eine Serie von 100 Blättern gemacht, ich bin so ein Serientäter. Ich war damals sehr einsam. Manchmal habe ich nachts wachgelegen und bin verrücktgeworden bei dem Gedanken, nie wieder eine Frau zu berühren! So etwas gibt es. Ich dachte : mein Leben ist zuende! Was ist das Leben wert ohne Männer und Frauen ?

Weil Dir die Körperlichkeit wichtig ist ?
Ja, für mich war das immer sehr wichtig : Körperlichkeit, Berührung, Sex.
In dieser längeren Phase, in der ich einsam und verzweifelt war, habe ich mich an den Tisch gesetzt und diese Serie gezeichnet. Im Grunde habe ich mich daran abgearbeitet. Es sind meine Phantasien. Die Serie, die entstanden ist, heisst „ Sympathy for the devil“. Der Titel ist eine Anlehnung an die Rolling Stones.

Der Teufel ist eines Deiner Themen ?
Ja, wobei der Teufel nicht immer der Böse ist. Er wird auch angelockt, so wie es im richtigen Leben ist. Diese Bilder stellen im Großen und Ganzen den Mann dar als teuflisches Wesen und die Frau als willige Gespielin. Wenn man sie betrachtet, kann man erkennen, dass es ein Sich -Anziehen und Abstoßen ist.

Bist Du religiös?
Ich bin bekennender Atheist und habe überhaupt nichts zu tun mit der Institution Kirche. Ich glaube aber trotzdem, dass ich sehr gläubig in einem anderen Sinne bin. Ich bin sehr demütig, der Natur und der Kreatur gegenüber. Ich glaube, dass ich sehr sozial eingestellt bin und dass diese Dinge bei mir auch funktionieren : Hilfsbereitschaft und Teilhabe an gesellschaftlichen Dingen. Aber dafür brauche ich nicht die Institution Kirche. Wenn ich z.B. kleine Enten sehe, habe ich Tränen in den Augen vor Rührung. Das ist einfach unglaublich schön, hat aber für mich nichts mit Gott zu tun.

Du hast Dich in jüngeren Jahren  auch mit christlichen Symbolen auseinandergesetzt?
Da war das aber noch die Provokationsschiene. Dass man sagte : schocken wir mal die Leute. Gerade diese Serie mit den Teufeln, die ich auch in südlicheren Bereich Deutschlands ausgestellt habe, die ist immer wieder zensiert worden. In einem Fall kam zwei Tage vor der Eröffnung ein Anruf vom Kurator : wenn ich die Bilder nicht austausche, werde ich auf dem Scheiterhaufen geopfert. Dann kommt die Vorbegehung, dann kommt der Landvogt.

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Das sind Menschen, deren religiöse Gefühle Du anscheinend verletzt?
Ja, und da ist bei jedem der Pegel ein anderer. Ich hätte nie gedacht, dass man mit harmlosen Zeichnungen - die meisten sind noch nicht mal realistisch dargestellt- es sind nur diese verzerrten Körper- dass man damit einen solchen Aufstand erzeugen kann. Da habe ich gedacht : jetzt erst recht.

Du bist dann Kompromisse eingegangen ?
Ich stand vor der Entscheidung : hänge ich ab, lasse ich mich zensieren, verkaufe ich nichts.
Teilweise musste ich bei den Arbeiten, wo man primäre männliche oder weibliche Geschlechtsorgane erkennt, kleine Aufkleber draufkleben. Das war ein Kompromiss. Und was ist passiert? Das hat die Leute erst recht neugierig gemacht. Beim Eröffnungsabend fingen die Besucher an, die Aufkleber abzuknibbeln : was ist denn da drunter? Also haben die Veranstalter sich selbst ins Knie geschossen.

Du hast einmal geäußert, dass Du das Zerstörte, Abgetragene bevorzugst. Woran liegt das?
Das ist mit Sicherheit eine frühkindliche Erinnerung. Ich kam mit meinen Eltern und Geschwistern 1954 nach Köln, da war ich 5 Jahre alt. Da war Köln noch eine Ruinenstadt. Es war zwar alles aufgeräumt, aber überall gab es Trümmergrundstücke und das waren – obwohl streng verboten- unsere Spielplätze. 

Wie ist das Fragmentarische später in Deinen Bildern aufgetaucht?
Indem ich die Leinwände ganz derb behandelt habe. Ich habe immer wieder Schichten abgewaschen, gekratzt, geschliffen, wieder Schichten daraufgelegt. Bis sie fast wie Fresken aussahen.

Welche Bilder möchtest Du in der Galarie - Graf-Adolf ausstellen?
Schwerpunktmäßig werden in der Ausstellung Bilder hängen, die in diesem Jahr entstanden sind. Das sind meine Schweinehunde, zwei, die sich küssen. Außerdem Arbeiten auf Leinwand und Papier unter dem Titel „ A day in my life“.

Was für eine Technik verwendest Du?
Das ist die Technik, die teilweise aus der Not entstanden ist. Ich bin eigentlich nie in der Lage gewesen, viel Geld für Material auszugeben. Ich habe mir teilweise Farben zusammengesucht auf Dachböden, bei Omas, bei Tanten , in Farbgeschäften. Ich habe gefragt, ob sie alte, eingetrocknete Farben haben. Und aus diesen Materialien, die mich nichts gekostet haben, sind dann Effekte entstanden. In diesem Fall ist es so, dass ich mit Ölfarben und wasserlöslichen Farben arbeite und Prozesse entstehen, die ich sehr schwer kontrollieren kann und die mit sehr viel Zufall behaftet sind. Daraus ist meine Technik entstanden und das ist auch das, was ich angestrebt habe, nämlich kontrollierter Zufall.

Was ist der Ausgangspunkt des Malprozesses?                                                                      
Am Anfang ist immer der Fleck. Der Fleck als Wahrzeichen der Unvollkommenheit. Für meine Malerei ist die Befleckung der negative und zu überwindende Gegenpol des Richtigen und Bedeutungsvollen.  Immer wieder übermale ich in der gleichen chaotischen Weise die Befleckung. Eine Komposition entsteht in der mehrmaligen Wiederholung des Farbauftrags, wobei bereits übermalte Schichten durch rüdes Schmirgeln und Kratzen wieder ans Tageslicht gebracht werden.

Wann  ist dieser Prozess für Dich abgeschlossen?
Dieser Punkt ist für mich erreicht, wenn die zu Gestalten verdichteten Flecken aus ihrer Stummheit auftauchen und zu sprechen beginnen.

Du hast eine eigene Handschrift und Bildersprache entwickelt
Schon während der Studienzeit war es so, dass ich mich nicht von dem habe leiten lassen, was andere machen. Das ist das A und das O für den Künstler. Wenn man das schafft, dass Leute irgendwann sagen : Aha, das ist der Schüler, dann ist man auf dem guten Weg.
Das ist mir wichtiger als Trends zu bedienen.

In welche Richtung möchtest Du weitergehen ?
Mein großes Bestreben ist es, abstrakt zu arbeiten. Ich habe aber festgestellt, dass dies das Schwerste überhaupt ist. Immer wieder tauchen Dinge auf zwischen tierischen Wesen und Nichts. Man kann da etwas vermuten.

Vielen Dank für das Gespräch!
Dorothea Weisel

 

 Martin Schüler zeigt seine Arbeiten in der Ausstellung „ Gedankenpaar“ in der Galarie- Graf- Adolf. Die mit ihm ausstellende Künstlerin ist Ewa Salwinski. Die Kunstausstellung findet vom 17. September bis zum 22. Oktober statt. Zusätzlich haben Sie die Möglichkeit während der Offenen Ateliers rechtsrheinisch in einen interessanten Austausch mit dem Künstler, ebenfalls in der Galarie- Graf- Adolf, zu treten.


Ausstellungsinformationen – Gedankenpaar in der Galerie- Graf –Adolf

Galerie- Graf- Adolf
Graf- Adolf- Str. 18-20
51065 Köln


www.galerie-graf-adolf.de

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